Das Albergo Diffuso – eine italienische Spezialität

Quelle: NZZ – «Hotels» mit Zimmern, die sich verstreut in einem Dorf befinden, bieten die ideale Hotelstruktur, um Abstand zu wahren

Wo gibt es schon wieder das Frühstück? Es kann passieren, dass man als Gast am ersten Morgen etwas herumirrt, bis man sich einen Kaffee gönnen kann, denn in diesem Hotel sollte man vorher schon richtig wach sein. Schliesslich gilt es eine ganze Altstadt mit Sackgassen und Verzweigungen zu durchqueren. Eine kleine Karte, die wir am Vorabend an der Réception erhalten haben, gibt den Weg vor.

In 20 Liegenschaften

Am Ziel angekommen, fragen wir zur Sicherheit den Kellner: «‹Sextantio›?» So heisst unser Hotel in Santo Stefano di Sessanio in den Abruzzen, 110 Kilometer östlich von Rom. Der Mann mit weissem Hemd und schwarzer Maske bestätigt und fügt nicht ohne Stolz an: «‹Sextantio› ist überall im Dorf.»

Willkommen im Albergo Diffuso – einem Hotel mit Zimmern, die sich «verstreut» in der Siedlung befinden. Ein Begriff dafür in deutscher Sprache hat sich noch nicht durchgesetzt. Dieser Typ Gaststätte ist nach wie vor eine italienische Spezialität, selbst wenn es in anderen Ländern Versuche gibt, die Idee zu kopieren. Die Schweiz zieht dieses Jahr nach (siehe Kasten). Und auch in Japan und China gibt es diverse Projekte.

Zwischen 150 und 250 solcher Strukturen gibt es in Italien – je nachdem, wie eng man die Kriterien des Branchenverbands Associazione Nazionale Alberghi Diffusi anwendet. Gemäss diesen Richtlinien sollten die Häuser nicht weiter als 200 Meter voneinander entfernt liegen. Sie dürfen sich auch nicht in einer anderen Gemeinde befinden. Für die Gäste muss zudem mehr als eine Liegenschaft bereitstehen, sonst ist es ein klassisches Hotel. Davon gibt es in Italien über 33 000.

Die Idee stammt vom Hotelmanager Giancarlo Dall’Ara. 1976 hatte ein Erdbeben viele Dörfer in der norditalienischen Region Friaul-Julisch Venetien verwüstet. «Die Häuser wurden wieder aufgebaut, standen aber trotzdem leer, weil viele Bewohner im Laufe der Jahre wegzogen», erinnert er sich. Und so wurden die ersten Versuche gestartet. Mit ermutigenden Ergebnissen: 2006 gründete Dall’Ara den Branchenverband. Heute reist er um die ganze Welt, um seine Idee unter die Leute zu bringen.

Das Hotel «Sextantio» gilt als Musterbeispiel der Gattung. Seit die «New York Times» und CNN darüber berichtet haben, kennt man es fast weltweit. 20 Liegenschaften mit gegenwärtig 26 Zimmern für die Übernachtung gehören zur Struktur. Weitere Gästezimmer werden gerade renoviert. Ferner gibt es eine Réception, eine Bibliothek, eine Weinbar, einen Tea-Room und ein Restaurant mit Frühstücksbuffet. Alles befindet sich an einem anderen Ort im Dorf.

Das Hotel war jüngst fast ein halbes Jahr geschlossen, wie alle Gaststätten in den Abruzzen. Die von Bergen dominierte Region mit dem Hauptort L’Aquila galt bis vor kurzem pandemiebedingt als rote Zone und war für Aussenstehende gesperrt. Ende Mai konnte der Betrieb wieder aufgenommen werden.

Es dauerte nicht lange, bis die Gäste wieder nach Santo Stefano di Sessanio fanden. Der Ort liegt auf 1250 Metern über Meer. Und Ferien im Grünen sind jetzt gefragter denn je. Vor allem aber ist die Hotelstruktur ideal, um Abstand zu anderen Menschen zu wahren: Es gibt keine engen Korridore, keine Aufzüge. Die Hotelzimmer erinnern mehr an eine Ferienwohnung. Wer möchte, kann sich das Essen ins Zimmer bringen lassen. Oder man bestellt einfach einen Picknickkorb und sucht sich auf einer Sommerweide ein schönes Plätzchen aus.

Man kann sich hier also bestens abkapseln – auch wenn das eigentlich nicht der ursprünglichen Idee entspricht. Als Gast in einem Albergo Diffuso lebt man Tür an Tür mit den Einheimischen und wird damit für eine befristete Zeit zu einem von ihnen. Die Gässchen der Altstadt sind der Hotelflur, der Dorfplatz ist die Lobby. Es kommt nicht von ungefähr, dass die Idee ausgerechnet in Italien geboren wurde. Wo, wenn nicht in diesem leutseligen Land mit seinen fröhlichen Menschen, kommt man schnell miteinander ins Gespräch? Davon merken wir allerdings wenig. Gewiss liegt es daran, dass unser Aufenthalt nur kurz ist. Oder hat sich da angesichts der tiefgreifenden Ereignisse des vergangenen Jahrs etwas am Verhalten der Menschen geändert? Kontakte entstehen fast nur mit anderen Gästen und mit der Belegschaft des Hotels. Auch Daniele Kihlgren ist angekommen, der in Rom lebende Hotelbesitzer. Er ist für die Renovationsarbeiten hier.

Der Italo-Schwede Kihlgren hat 1999 zufällig während einer Motorradtour in Santo Stefano haltgemacht. Was ihn am Bergdörfchen faszinierte, war die Unberührtheit, die zeitlose Schönheit. 70 Seelen lebten damals dort. Hundert Jahre zuvor waren es noch 1400 gewesen. Das Dorf lebte in früheren Zeiten von der Wandertierhaltung, versank aber schnell in der Unbedeutsamkeit, als die letzten Hirten in die Fabrik arbeiten gingen oder in Übersee ihr Glück suchten. Santo Stefano ist ein typisches Beispiel für Landflucht.

Ohne Zement und Betongürtel

Kihlgren ist Erbe einer Mailänder Zementdynastie, der zum Geschäft seiner Vorfahren jedoch ein gebrochenes Verhältnis hat. Darum war er auch besonders angetan davon, dass es um Santo Stefano keinen «Betongürtel» gibt. Solch ein Ring aus Neubauten wurde in den 1960er Jahren des vergangenen Jahrhunderts um beinahe alle Dörfer im Land erstellt. Mit dem Eifer eines Anthropologen, der die Alte Welt wiederauferstehen lassen will, machte sich Kihlgren an die Renovation der Häuser. Zehn Millionen Euro investierte er aus seinem Vermögen und war darauf bedacht, bei der Restauration möglichst wenig zu verändern: Die Böden wurden nicht geschliffen, die Patina der Wände nicht wegpoliert. «Es geht um Identität», sagt er. «Das Unperfekte und alle Schichten der Vergangenheit müssen erhalten bleiben.»

Historische Fotografien von Paul Scheuermeier halfen Kihlgren und seinem Team, die Räume zu gestalten. Der 1888 geborene Linguist aus Zürich war im wissenschaftlichen Auftrag der Universität Zürich zwischen 1923 und 1930 durch die Abruzzen gereist, um einen Sprachatlas zu erarbeiten und das ländliche Leben zu dokumentieren

Die Zimmer im Hotel «Sextantio» versprühen diesen Geist von damals. Holzkommoden, Wasserkrüge, Schemel und anderes Mobiliar erinnern an die Ausstattung einer guten alten Bauernstube. Kerzen geben warmes, alte Glühbirnen spärliches Licht.

Um herauszufinden, was ein Albergo Diffuso in einem halb verlassenen Dorf bewirken kann, muss man nur das Nachbardorf Castelvecchio Calvisio besuchen. Der Unternehmer Kihlgren war ursprünglich versucht, sein Experiment hier stattfinden zu lassen, weil die Altstadt von Castelvecchio attraktiver sei als jene von Santo Stefano. Er entschied sich dann aber dagegen – wegen der Neubauten am Rande der Altstadt. Die Folge dieses Entscheids: In Castelvecchio gibt es heute eine Übernachtungsmöglichkeit. In Santo Stefano sind nach dem «Sextantio» 23 weitere Gaststätten entstanden.

Vom Erfolg angestachelt, hat Kihlgren danach in Matera in der Region Basilikata ein weiteres Albergo Diffuso eröffnet. Und derzeit hat er Pläne für weitere vier. Selbst die italienische Regierung unter der Leitung des Kulturministers Dario Franceschini möchte einen eigenen Versuch in vier Dörfern starten. Ob der Staat aber auch wirklich ein guter Gastgeber sein kann? Kihlgren bezweifelt es. Aber warum nicht? Italiens Hinterland ist voll von verlassenen Dörfern.